Ankommen in der Praxis – der Praxisschock?

Den Berufseinstieg nach dem Studium meistern

Dieser Beitrag von mir ist zunächst im Rundbrief 1/2017 des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes erschienen. 

Den beruflichen Einstieg nach vielen Jahren des Studiums anzugehen, schien mir in Gedanken und Gesprächen als der nächste logische Schritt in meinem beruflichen Werdegang und daher nicht sonderlich bedrohlich oder herausfordernd. Dass sich die Realität allerdings anders darstellt und die einzelnen Faktoren in ihrer Komplexität  nicht zu unterschätzen sind, erfasse ich erst jetzt, nach mehreren Monaten im Berufsleben.

Prinzipiell überwog zunächst die Bereitschaft, mich nach dem Studium der Kindheitspädagogik und dem Abschluss als Master der Erziehungs- und Bildungswissenschaft dem beruflichen Alltag zu stellen. Ich entschied mich für die Arbeit in einer Kindertagesstätte. Mit einer Vollzeitstelle im Gruppendienst in einer Krippe wollte ich die Schlüsselsituationen des Berufsfeldes Kita selbst durchleben: in der Eingewöhnung, im Beziehungsaufbau und in Elterngesprächen, wollte ich mich als Teammitglied einbringen und meine Kompetenzen erweitern.

Völlig unterschätzt habe ich dabei die Bedeutung des Wechsels aus dem Bundesland Bayern nach Sachsen und die damit einhergehenden Rahmenbedingungen. In unserer Einrichtung sah ich mich plötzlich konfrontiert mit einem Betreuungsschlüssel von ca. 1:6 und  mit einer Gruppengröße von 16 Kindern in einer Krippengruppe.

Die notwendige Vor- oder Nachbereitungszeit? Gesetzlich nicht vorgesehen! Eine Stunde wöchentlich wird durch den Träger ermöglicht.

Die Arbeit mit einer so großen Kindergruppe und mit so wenigen Kollegen war völlig anders, als ich sie aus den Praxisphasen während des Studiums kannte. Meine Kompetenzen und persönlichen Stärken, die ich jahrelang im Studium kultiviert und weiterentwickelt hatte, wie z. B. beobachten, analysieren und verstehen, Zusammenhänge herstellen, reflektieren, wissenschaftlich Arbeiten, wurden plötzlich nebensächlich. Sie waren einfach nicht realisierbar!

Im Vordergrund stand jetzt vielmehr das tägliche Miteinander und die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, wenn so viele Menschen aufeinandertreffen. Die Kinder, jedes für sich und als Gruppe, Kolleg*innen, die Leitung, Eltern, der Träger. Jede und jeder mit unterschiedlichen  Perspektiven, Bedürfnissen, Aufträgen, Erfahrungen, Ausbildungen usw.

Vorgefunden habe ich ein seit Jahren bzw. Jahrzenten gewachsenes und funktionierendes System, welches äußerst sensibel auf Veränderungen reagiert. Ich als neue Kollegin war zunächst Fremdkörper in diesem System – somit war allein durch meine Anwesenheit Veränderung notwendig, das Team musste sich neu finden.

Zudem wog die Verantwortung, die mir als ausgebildete Fachkraft mit voller Stelle übertragen wurde, schwer. Ich musste mich in den täglichen pädagogischen wie auch organisatorischen Ablauf einfinden und als Teil des Systems „funktionieren“ – und das musste zudem auch noch schnell gehen! Nach zwei Wochen ging eine meiner beiden Kolleginnen ins Beschäftigungsverbot. Randzeitendienste alleine, Krankheitsvertretung in anderen Gruppen, Eingewöhnung und weiteren Herausforderungen musste ich mich stellen. Das Berufsleben in der Kindertageseinrichtung holte mich schnell ein und nahm keine Rücksicht auf mein Bedürfnis nach Einarbeitung mit Ruhe und Zeit.

Die Fülle an Eindrücken, Verantwortlichkeiten und Situationen, für die ich kaum vorbereitet war bzw. zu denen ich mir bisher lediglich theoretische Handlungsoptionen erarbeitet hatte, führen mich regelmäßig an meine persönlichen Grenzen. Es sind vor allem auch die Situationen, in denen mich die eigene Gefühlslage und emotionale Beteiligung überrascht: Ärger, Hilflosigkeit, Überforderung, aber auch Freude oder Stolz. Es ist spannend mich selbst in solchen, für mich häufig überraschenden Momenten, zu beobachten. Gerade da empfinde ich es als hilfreich, während des Studiums mehrere Möglichkeiten kennengelernt zu haben, um solche Situationen zu bewältigen, diese aufzuarbeiten und zu verstehen. Trotzdem stellt es eine ganz besondere Herausforderung dar, diese emotional gefärbten Situationen zu bewältigen. Insbesondere deshalb, weil die Kinder in diesem Alter die pädagogischen Fachkräfte stark als ko-regulierendes Gegenüber fordern und ich als Fachkraft somit andauernd stark emotional beteiligt bin. Nicht selten passiert es vor diesem Hintergrund, dass ich bereits in den wenigen Stunden am Vormittag, eine Vielzahl an emotionalen Zuständen durch- oder miterlebe.

Außerdem empfinde ich die Geschwindigkeit, in der sich Prozesse und Veränderungen entwickeln als eine der größten Herausforderungen im Kita-Alltag. Während meines Studiums war ich in meinen Entscheidungen weitgehend frei und ganz auf mich und meine Interessen fokussiert. Im Berufsalltag sind die Strukturen, und Entscheidungswege andere und Prozesse laufen sehr viel langsamer an. In dieser „Gemengelage“ ist mir als neues Teammitglied öfters aus dem Blick geraten, dass das Team und die gesamte Einrichtung auch schon vor meiner Zeit bereits einen weiten Weg zurückgelegt hat: Veränderungen, Herausforderungen, Aushandlungsprozesse, die für mich nicht ohne weiteres erkenn- und nachvollziehbar sind, wurden bereits bewältigt. Die Ideen, die Motivationen, Vorstellungen und Erwartungen, die ein/e Berufsanfänger*in nach dem Studium mit in den Kita-Alltag bringt, kann deshalb auf beiden Seiten leicht zu Frustration führen. Den Neuankömmlingen gehen Veränderungen nicht schnell genug, während das „Stammteam“ das Gefühl bekommen kann, alles soll verändert werden und die bereits gemeisterten Etappenziele werden nicht anerkannt.

Was könnte aus meiner heutigen Sicht für einen gelingenden Berufseinstieg, der allen Beteiligten nützt, verbessert werden?

Strukturell wünsche ich mir eine begleitete Berufseinstiegsphase. Dazu gehört m.E. ein Einarbeitungskonzept der Einrichtung und die Gewährleistung der Einarbeitungszeit. Supervision und Anleitung aus der Einrichtung gehören ebenso dazu wie auch Begleitung durch den Bildungsort Fachschule/Hochschule/Universität. Die fachliche Begleitung als Brücke zwischen den beiden Lebensabschnitten, zur Verhinderung des Absturzes in den „Spalt“ zwischen Wissen und Handlungsanforderungen.

Institutionell und personell wünsche ich mir vor allem Zeit sowie Kommunikationslust und eine gewisse Offenheit und Neugier aller Fachkräfte, an den Menschen, denen wir jeden Tag begegnen, ihren Ideen, Erfahrungen und Vorstellungen – so wie es uns die Kinder jeden Tag vorleben.

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht, als Ihr nach Eurer Ausbildung/Studium in das Berufsleben eingestiegen seid? 

 

Kira Daldrop

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