„KindheitspädagogInnen müssen selbst ihres Glückes Schmied sein“

Aktiv und auffordernd ist mir Martha aufgefallen – aufrüttelend im oftmals stillen Feld der Kindheitspädagogen. Grund genug um zu einem Gastgespräch einzuladen: Martha studiert  „Frühkindliche Bildung und Erziehung“ an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Zurzeit ist sie im fünften Semester, ihrem Praxissemester und arbeitet einem Mütterzentrum in Esslingen.

Ich habe sie zu ihrem Engagement bei der Regionalgruppe „Kindheitspädagogen“ der GEW in Baden-Württemberg gefragt, nach ihren beruflichen Zielen und ihren Wünschen für die Zukunft der Kindheitspädagogen.


Du bist aktiv in der Regionalgruppe Baden-Württemberg der GEW „Kindheitspädagogen“: Was macht ihr da? Und was ist das Ziel?

Zusammen mit André Dupuis von der GEW, organisieren wir einmal im Monat in Stuttgart einen Arbeitskreis für KindheitspädagogInnen. Absolventen des Studiengangs, aber auch Studenten der Kindheitspädagogik aus ganz Baden-Württemberg sind herzlich zu diesem Arbeitskreis eingeladen. Es ist egal, ob man GEW-Mitglied ist oder nicht.

Die Ziele des Arbeitskreises sind vielfältig. Die Treffen sollen beispielsweise dem Informationsaustausch zwischen (angehenden) KindheitspädagogInnen dienen. Wir unterhalten uns über Studieninhalte, Prüfungen, Praktika und spätere mögliche Berufsfelder. Das ist besonders interessant, da sich die Hochschulen in ihrer Vorgehensweise sehr unterscheiden, aber auch die Anwesenden über verschiedene Erfahrungen berichten.

Bei jedem Arbeitskreis entsteht dadurch eine bestimmte Thematik mit der wir uns anschließend beschäftigen. Das sah beim ersten Treffen in etwa so aus, dass wir uns gemeinsam entschieden haben die Modulhandbücher aller Hochschulen aus Baden-Württemberg zu vergleichen. Ziel war es Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, um im Anschluss eine Art ‚paper‘ zu erstellen. Dieses ‚paper‘ sollte über Qualifikationen und Kompetenzen von KindheitspädagogInnen informieren. Das Unterfangen scheiterte einerseits aufgrund der kleineren Anzahl der Anwesenden, andererseits, weil wir die große Menge an Informationen nicht gewinnbringend nutzen konnten.

Beim Treffen im Dezember 2015 haben wir die Idee des ‚papers‘ jedoch nicht verworfen. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen Kompetenzprofile zu sammeln und anhand dessen ein Informationsblatt zu erstellen, welches man für Bewerbungsschreiben, Vorstellungsgespräche verwenden oder Arbeitgebern vorlegen kann. Daraus wird ein weiteres Ziel, welches wir verfolgen deutlich: Wir wollen das Berufsbild der KindheitspädagogInnen bekannter machen und weiterentwickeln. KindheitspädagogInnen müssen wissen über welche Qualifikationen sie verfügen, um daraus Selbstvertrauen zu schöpfen und sich in weitere Berufsfelder trauen.

Die Aufgaben, die im Arbeitskreis mit allen Anwesenden besprochen werden, befinden sich noch in der Findungsphase. Manchmal muss eine Idee verworfen werden, nachdem sie doch nicht zielführend war. Dies ist in meinen Augen jedoch völlig legitim, da es sich um einen Prozess handelt, der mehrere Phasen durchlaufen muss.

Wir erhoffen uns irgendwann so weit zu sein, Arbeitgeber zu uns einladen zu können, um sie über den Beruf zu informieren und in Zusammenarbeit Stellenangebote speziell für KindheitspädagogInnen zu entwickeln.


Wie bist du zu deinem Engagement gekommen?

Durch die sozialen Netzwerke bin ich auf die Initiative Kindheitspädagogen – München aufmerksam geworden. Zum ersten Mal las ich, dass sie mit Gewerkschaften kooperierten, um aktiv etwas für die Anerkennung des Berufes zu unternehmen. Ich fand das Engagement und den Einsatz für unsere Berufsgruppe bemerkenswert.
Anschließend erstellte die Initiative aus München eine Online-Petition, in der sie dafür kämpften, dass KindheitspädagogInnen namentlich und auf Hochschulebene in den Tarifvertrag kommen. Für mich war es selbstverständlich diese Aktion zu unterstützen. Mit Kommilitonen organisierten wir an vier verschiedenen Tagen Petitionsstände an zwei Hochschulen (EH & PH Ludwigsburg), um Unterschriften zu sammeln.
Ich setzte mich weiterhin mit der Thematik der Eingruppierung, sowie sich gewerkschaftlich zu organisieren auseinander. Dann folgte der Streik im Sozial- und Erziehungsdienst. Die Medien berichteten darüber und man hörte überall davon, jedoch kamen die KindheitspädagogInnen nirgends vor. Das ärgerte mich anfangs noch sehr bis ich verstand, dass die KindheitspädagogInnen selbst ihres eigenen Glückes Schmied sein müssen. Neben dem Aspekt der geringen Anzahl von Absolventen, die sich auf dem Arbeitsmarkt befindet, waren wir nicht gewerkschaftlich organisiert. Dadurch kannten und kennen uns nach wie vor, die Wenigsten. Dies müssen wir KindheitspädagogInnen selbst schrittweise verändern.
Ich dachte, beginnen muss man in der Berufsgruppe selbst. Deswegen wünschte ich mir ein Netzwerk, in dem KindheitspädagogInnen die Möglichkeit haben sich auszutauschen und sich zusammenzuschließen. Ich gründete deshalb die Facebook-Gruppe „KindheitspädagogInnen Baden-Württemberg“.
Als nächstes muss man das Umfeld und die Öffentlichkeit auf den Beruf aufmerksam machen. In dieser Zeit fanden viele Demonstrationen wegen den Streiks statt. Mithilfe von Gewerkschaftsmitgliedern wurde die Facebook-Gruppe „KindheitspädagogInnen BW“ über Kundgebungen informiert. Ich fand, dass auch KindheitspädagogInnen teilnehmen sollten und das eine gute Möglichkeit war, zumindest ein klein wenig auf sich aufmerksam zu machen.
Neben einer „Facebook-Internetaktion zum Bekanntmachen von KindheitspädagogInnen“ waren diese Versuche nur Tropfen auf den heißen Stein. Es musste etwas organisiert werden was den KindheitspädagogInnen tatsächlich zu mehr Anerkennung verhelfen würde. Deswegen organisierten eine Kommilitonin und ich an unserer Hochschule eine Informationsveranstaltung der Gewerkschaften. Ziel war es über die Arbeit von Gewerkschaften zu informieren. Außerdem hatten wir vor uns gewerkschaftlich zu organisieren, indem wir einen Arbeitskreis ins Leben rufen. Das funktionierte leider nur mit einer Gewerkschaft, der GEW.


Was sind deine beruflichen Ziele?

Nach dem Studium möchte ich mich in der systemischen Beratung weiterbilden. Allgemein würde ich später gerne in der Elternbildung sowie -beratung zu arbeiten. Arbeitsbereiche, die mich interessieren wären Frühe Hilfen, Erziehungsberatung, Mutter-Kind-Heime, Mütter- bzw. Familienzentren (…). Mein Wunsch wäre es in der Schwangerenberatung tätig zu sein, da mich das Thema Schwangerschaft seit langem interessiert.
Direkt nach dem Studium könnte ich mir vorstellen in einer Kita zu arbeiten. Kindertageseinrichtungen sind ideal, um erste Berufserfahrung zu sammeln. Wie soll man schließlich Eltern beraten, wenn man selbst noch nicht mit verschiedenen Kindern gearbeitet hat? Mir wäre es natürlich lieber gleich in einen der oben aufgeführten Bereiche zu arbeiten, jedoch möchte ich realistisch bleiben. Jetzt denken sich einige bestimmt, wie solche Wörter aus meinem Mund kommen können. „Kitas und ideal in einem Satz?“. Wünsche und Realität liegen oft weit voneinander entfernt. Ich male nicht schwarz, sondern bin mir einfach der Realität bewusst.
KindheitspädagogInnen haben es einfach immer noch nicht so leicht z.B. die Tätigkeit eines Sozialarbeiters zu übernehmen. Arbeitsstellen speziell für KindheitspädagogInnen existieren noch nicht. Die Aussichten entmutigen die Meisten. Ich nehme die Herausforderung gerne an. Und wenn ich nach dem Studium zuerst „nur“ in der Kita arbeite, dann sehe ich die Vorteile. Wir sollten es aus dieser Perspektive sehen: die Kita ist ein großes Arbeitsfeld für KindheitspädagogInnen. Daran ist nichts auszusetzen. Schlecht ist eher, wenn wir nichts dafür unternehmen, dass die anderen Bereiche ebenfalls zu großen Arbeitsfeldern von KindheitspädagogInnen werden.


Was würdest du dir für unsere Berufsgruppe wünschen?

Ich würde mir für unsere Berufsgruppe wünschen, dass wir mehr miteinander zusammenarbeiten. Ich habe oft den Eindruck, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht anstatt, dass man seine Kräfte vereint, um zusammen etwas zu erreichen.
Außerdem würde es mich freuen, wenn sich mehr KindheitspädgogInnen aus ganz Deutschland trauen würden, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Am gewinnbringendsten wäre es, wenn die Berufsgruppe bei beiden großen Gewerkschaften vertreten wäre.
Ich wünsche mir für KindheitspädagogInnen, dass uns mehr Beachtung geschenkt wird und man unsere Qualitäten und Qualifikationen anerkennt. Es muss jedoch deutlich gesagt werden, dass WIR uns darum kümmern müssen. Viele beschweren sich über die fehlende Anerkennung oder dass wir nicht in den Tarifvertrag gekommen sind. Ja, das finde ich auch total blöd, aber von nichts kommt nichts. Keine Gewerkschaft setzt sich für uns ein, wenn wir selbst uns nicht engagieren und Präsenz zeigen. Kein Arbeitgeber wird uns zutrauen in der Tätigkeit eines anderen Berufes zu arbeiten, wenn wir sie nicht von uns überzeugen und darauf beharren, dass wir qualifiziert dafür sind.
Ich wünsche mir für diesen Beruf, dass adäquate Arbeitsstellen entstehen. Denn ich weiß von vielen, dass sie weder mit Erziehern noch mit Sozialarbeitern verglichen werden wollen.
Für all das brauchen wir uns gegenseitig, am besten im Rahmen eines Arbeitskreises, von Initiativen o.ä.. Des Weiteren würde ich mir für KindheitspädagogInnen wünschen, dass der Studiengang sich als Teilbereich der Sozialen Arbeit weiterentwickelt. Grund dafür ist, dass dieser Studiengang bereits länger existiert und Anerkennung erhält.
Zu guter Letzt wünsche ich mir, dass wir bei den nächsten Tarifverhandlungen namentlich und auf Hochschulebene in den Tarifvertrag kommen. Wenn es weiterhin viele engagierte KindheitspädagogInnen gibt und man es schafft sich zu organisieren, sehe ich positiv in die Zukunft des Berufs.

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