Kindheitspädagog*innen & Arbeitswelt: Kinder- und Jugendhilfe

Als Kindheitspädagogin in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Sylvie arbeitet als Kindheitspädagogin in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Sie hat in Berlin an der Alice-Salomon-Hochschule „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ studiert.

Jetzt arbeitet sie bei dem größten privaten Träger im Allgäu, der „Wohnfamilie Ohnesorg“.

Sylvie arbeitet an einem kleinen Standort, der aus drei nach Alter gestaffelten Gruppen besteht. Die Kinder in ihrer Gruppe sind zwischen 9 und 12 Jahre alt. Die Arbeitsatmosphäre ist familiär, da jeder jeden kennt sowohl unter den Erziehern als auch unter den Kindern. Insgesamt sind es 33 Kinder im Haus, doch die Zahl wechselt öfters auf Grund von Neuaufnahmen und Rückführungen.

Sie ist als Kindheitspädagogin angestellt und arbeitet in einem Team mit Erziehern, Quereinsteigern, Psychologen, Psychotherapeuten u.a.

Ich habe ihr ein paar Fragen gestellt aber lest selbst, was Sylvie aus ihrem Alltag zu berichten hat:

Erzähl doch mal kurz: Was machst Du genau als Kindheitspädagogin in der stationären Kinder- und Jugendhilfe?  

Ich betreue Kinder in einem sehr familiär gestalteten Kinderheim. Diese Kinder sind größtenteils aus den Familien genommen worden, weil ihre Eltern nicht mehr in der Lage waren, sich ausreichend um sie zu kümmern. Mittlerweile haben wir auch das ein oder andere Flüchtlingskind bei uns aufgenommen.

Grundsätzlich besteht bei allen Kindern eine Rückführungsabsicht. Das bedeutet, das langfristige Ziel besteht in der Wiedereingliederung in die Familie, vorausgesetzt, die Familien ist bereit sich zu ändern. Sobald den Kindern in ihrem Zuhause wieder eine kindgerechte und beispielsweise gewaltfreie Umgebung garantiert werden kann, plant das Jugendamt die  Rückführung.

In der Zeit, in der die Kinder bei uns sind, leisten wir demnach gewissermaßen elternersetzende Arbeit.  Natürlich bleiben die Eltern der Kinder immer ihre Eltern und es gibt Telefontage für jeden und für einige auch Heimfahrten übers Wochenende oder die Ferien.

Mit den Kids machen wir alles was zum Alltag dazu gehört und was dazu beiträgt, ihnen eine schöne Kindheit zu gestalten. D.h. konkret, wir machen Hausaufgaben, Spielen, Basteln, planen Ausflüge oder gehen eben eine Brille kaufen, wenn es notwendig ist.

Und wie bist Du dazu gekommen?

Ich bin tatsächlich nur durch Zufall zu dieser Stelle gekommen. Ich hatte zwar von vornherein Interesse an der stationären Kinder- und Jugendhilfe, jedoch habe ich zunächst nicht viele offene Türen in diesem Bereich vorgefunden.

Also hatte ich mich zunächst bei einer Kita des gleichen Trägers beworben. Ich bekam daraufhin eine sehr freundliche Mail zurück, dass die Stelle leider schon vergeben sei. Es gäbe allerdings noch eine Stelle in der Wohnfamilie, ob ich nicht auch daran Interesse hätte. Mein Profil hatte ihnen gut gefallen. Und dann ging alles eigentlich ganz schnell – Bewerbungsgespräch, am selben Tag die Zusage und eine Woche später habe ich mich dann auch endgültig dafür entschieden. Weitere zwei Wochen später habe ich bereits angefangen zu arbeiten.

Hast Du das Gefühl durch dein Studium gut auf deine jetzige Tätigkeit vorbereitet zu sein?

Ich denke, grundsätzlich bietet jede neue Stelle ihre ganz eigenen Herausforderungen. Man muss sich in den jeweiligen Alltag und Abläufe einfinden. Allerdings merke ich, dass vieles von den kleinen Mäusen auch auf die großen übertragbar ist. Sicher gibt es Momente mit größeren Konflikten, in denen man nicht immer gleich weiter weiß. Aber man ist ja auch nie allein. Im Zweifel kann ich jederzeit bei den Kollegen um Hilfe und Rat bitten.  Aber ich denke auch, dass hängt nicht damit zusammen, wie gut man dafür ausgebildet ist: In diesen konkreten Situationen nennt sich das wohl Alltag und Pubertät und lässt sich in der Theorie schlecht durchspielen. Nichtsdestotrotz kommt mir auch öfters mal das ein oder andere aus der Theorie in den Sinn, das ich anwenden kann.

Was motiviert Dich?

Mich motivieren in erster Linie die Reaktionen der Kinder. Das Leuchten in den Augen, wenn wir Unternehmungen o.ä. machen, die ihnen sehr gut gefallen. Das ist unbezahlbar.

Ich denke jeder Mensch hat eine schöne Kindheit verdient. Doch die meisten der Kids tragen jetzt schon ein größeres Päckchen mit sich herum, als viele Erwachsenen. Sie haben genug durchleben müssen. Nun möchte ich gern dazu beitragen, ihnen den Rest ihrer Kindheit so schön wie möglich zu gestalten. Sie sollen sich trotz allem später gern daran zurück erinnern – so wie jeder anderer auch gerne lustiger oder schöner Geschichten aus seiner Kindheit erzählt.

Aber auch meine Kollegen motivieren mich. Ich finde, im gesamten Haus ist ein tolles Team aufgestellt – mit den richtigen Menschen um sich herum macht die Arbeit gleich doppelt so viel Spaß, auch wenn es manchmal wirklich sehr anstrengend sein kann.

Was würdest du anderen (Kindheit-)Pädagogen*innen & Erzieher*innen sagen, die auch gerne in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten möchten?

Ich würde sie gleichzeitig ermutigen, aber auch warnen: Wer in der stationären Kinder- und Jugendhilfe arbeiten möchte, braucht auf jeden Fall gute Nerven, viel Geduld und eine gehörige Portion an (selbst-) Ironie und auch eine kleine Schutzmauer.

Es kann schon mal vorkommen, dass man von den Kids beleidigt wird. Das darf man einfach nicht so nah an sich heran lassen, denn meine Erfahrung ist, es sind auch nur kleine „Hitzköpfe“, die es am Ende gar nicht so meinen. Ich sage immer, wir müssen frecher sein als die Kids, aber eben ohne Beleidigungen o.ä. 😉

Auch die Elternarbeit gestaltet sich in diesem Bereich oft schwieriger, als beispielsweise in der KiTa – für die Eltern sind wir trotz allem auch diejenigen, die ihnen die Kinder „wegnehmen“. Auch wenn wir uns sehr gut um die Kinder kümmern. Geht man jedoch behutsam und verständnisvoll vor, ist auch diese Hürde meistens gut zu nehmen.

Trotz all dem macht es sehr viel Spaß und es gibt so viele schöne Momente, wo man gemeinsam lacht und Freude hat. Diese Momente machen alles andere wieder Wett.

Der Abschied bei einer Rückführung zaubert einem meistens ein lachendes und ein weinendes Auge ins Gesicht: Natürlich freuen wir uns für die Kinder, dass sie nach Hause dürfen und wünschen ihnen nur das beste, aber man wird sie eben auch vermissen, denn die meisten sind mehrere Jahre bei uns. Da baut man natürlich auch eine Beziehung zu den Kindern auf.

Man muss sich einfach dessen bewusst sein, dass dieser Job nicht immer nur ein Zuckerschlecken ist! Aber ich würde ihn trotzdem jedem empfehlen. Es bringt einem jeden Tag auch immer wieder viel Freude!

Liebe Sylvie – vielen Dank für die Einblicke in deine Arbeit!

Habt Ihr Fragen an Sylvie oder arbeitet vielleicht selbst in der stationären Kinder- und Jugendhilfe oder es ist Euer Berufswunsch? Erzählt uns davon und hinterlasst ein Kommentar.

4 Kommentare

  1. Danke für den guten Einblick. Ich habe Einblick in den präventiven Heimbereich bekommen, der sozialen Tagesgruppe. Dort habe ich ähnliche Erfahrungen in der Elternarbeit bekommen. Dennoch empfand ich die Arbeit mit den Eltern als fruchtender, ehrlicher und bereichernder als in der KiTa. Im Elementarbereich arbeitet man nur auf freiwilliger Basis und nur beratend. Es gibt keine Handhabung und wird so oft zum Spielball der notwendigen Schritte und dem Elternwunsch.
    Das habe ich in der sozialen Tagesgruppe anders empfunden : klarer und definierter in den Rollen.

    1. Hallo Tanja, danke für dein Kommentar.
      Interessant Deine Erfahrungen dazu zu hören und dass sie sich größtenteils decken!

      Viele Grüße
      Kira

  2. Ich habe das Interview mit Interesse gelesen, da ich selbst Kindheitspädagogin bin und in der stationären Jugendhilfe in einem Mutter-/Vater-Kind-Wohnprojekt mit jungen Eltern ab 14 und ihren Kindern bis 6 Jahre arbeite.

    Noch mehr als Sylvie arbeiten wir hier mit den jungen Eltern, die häufig kaum selbst den Kindesbeinen entwachsen sind und oft genug auch vorher schon Jugendhilfeerfahrungen gemacht haben. Einige kommen von sich aus auf uns zu und fragen einen Platz an, weil sie mit einer Schwangerschaft konfrontiert sind und niemand sie unterstützen kann oder will und sie bereits ahnen, dass sie noch einiges lernen müssen, um allein mit Kind leben zu können. Viele Eltern, die zu uns ziehen, manchmal schon in der Schwangerschaft, tun dies aber nur, weil Ihnen durch das Jugendamt vermittelt wird, dass sie es müssen, so sie denn gemeinsam mit ihrem Kind zusammenleben wollen. Wir sprechen also -auch wenn gesagt wird, dass die jungen Mütter/Väter sich aus freien Stücken für den Einzug entscheiden müssen – eigentlich in den meisten Fällen von einem Zwangskontext. Für uns geht es darum, die jungen Eltern zu befähigen, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen, seine Bedürfnisse altersentsprechend erkennen und erfüllen zu lernen und, wenn nur irgend möglich, eine gemeinsame Zukunftsperspektive für sich und das Kind zu entwickeln.

    Am Schwierigsten ist dabei meines Erachtens die Wahrung einer professionellen Distanz, da wir in einigen Fällen schon mehrere Jahre mit den Elternteilen zu tun haben und, gerade, wenn diese noch sehr jung sind, oft auch ein enges Vertrauensverhältnis entsteht. Dennoch gilt unser Hauptaugenmerk immer dem Kindeswohl und das bedeutet manchmal auch, Entscheidungen treffen zu müssen, die auf Seiten der jungen Eltern auf wenig Verständnis oder Zustimmung treffen, wenn wir das Kindeswohl in Gefahr sehen.
    Und natürlich wissen die Eltern auch, dass wir nicht nur eine begleitende und unterstützende, sondern eben auch eine Kontrollfunktion inne haben – macht das Arbeiten nicht immer leichter.

    Wir sehen viele schwierige Hilfen mit Höhen und Tiefen aber trotzdem nicht nur negative Hilfeverläufe. Zum Glück erleben wir auch, dass Bindungen entstehen, junge Frauen und Männer in ihre Rolle als Eltern hineinwachsen und mit ihren Kindern verselbständigt werden können, wenn auch manchmal über Umwege einer befristeten Trennung vom Kind – und für diese jungen Eltern, die oft noch Jahre später immer mal wieder vorbeikommen, so dass wir erleben, wie sich Eltern und Kinder entwickelt haben, lohnt sich jede Mühe im Arbeitsalltag!

    Insgesamt muss ich feststellen, dass wir Kindheitspädagogen in viele Arbeitsfelder, gerade mit multiprofessionellen Teams, sehr gut hineinpassen und dafür ausgebildet sind…

    1. Liebe Andrea,

      danke für Deinen Einblick in Deinen pädagogischen Alltag in der stationären Jugendhilfe! Wirklich sehr interessant. Deine Einschätzung als Kindheitspädagogin gerade auch in Bezug auf die multiprofessionellen Teams ist sehr spannend! Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude bei Deiner Arbeit!
      Viele Grüße
      Kira

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